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Johannes Raimann
Opening 27. März, 18 Uhr
Exhibition: 27. März – 16. Mai
Johannes Raimann, 1992 in Wien geboren, 2013 Studium der bildenden Kunst in Wien bei Gabriele Rothemann, ab 2017 bis 2021 Meisterschüler bei Marcel Odenbach an der Kunstakademie Düsseldorf.
übergestern – Johannes Raimann
Verborgen in dunkelfeuchter Erde liegen Kabel aus Glasfaser, auf den ersten Blick unscheinbar – dann strömt Licht aus. Gerissene Kabel streben vielfarbig aus aufgebrochenem Schutzmantel: Faserriss. Weiße Verschalung, ein offener Bruch, mutwillig oder versehentlich? Unter der Erde wurzelt es tief, werden sonst unsichtbare Strukturen an die Oberfläche gekehrt, gewähren einen Blick in den Maschinenraum unserer Gegenwart. Das Kabel bricht mit der Illusion von immaterieller Digitalität, zeigt Infrastruktur innewohnende Verletzlichkeit auf. Ein einsamer Funke löst sich in der dunklen Erde, in digitaler Sphäre sind alle Sender und verharren doch in passiver Rolle, sind trotz scheinbar grenzenloser Vernetzung zunehmend isoliert. Vielleicht liegt gerade in diesem Blick unter die Oberfläche stille Erkenntnis?
Technologie war einst Versprechen, Aufbruch ins Übermorgen, schillernde Utopie. Johannes Raimann macht mittels künstlerisch forschender Methodik verborgene, meist fotografische Prozesse, deren Materialien und technischen Voraussetzungen sichtbar, gewährt den Blick in tiefere Schichten von Realität. Was findet sich beispielsweise unter der Kunststoffverschalung der Kamera? In „Sensor of Impact“ zeigt Raimann versehrte Sensoren von Handykameras, die als verletzliche Sinnesorgane digitaler Strukturen wie das Gegenstück zu den leuchtenden Glasfasern wirken. Auf dem Handybildschirm wird die Fotografie in Licht zurücküberführt, ein zerbrochener Sensor aber stört den Prozess der Übersetzung zwischen Realität und Abbild. Es entsteht ein zergliedertes, verzerrtes Bild. In „Sensor of Impact“ wird darüber hinaus der gesellschaftliche Konflikt zwischen Disziplinar- und Kontrollgesellschaft exemplarisch deutlich: Macht durch Überwachung trifft auf stumpfe Form von Gewalt. In den Bildtiteln lassen sich die jeweiligen Schäden der Sensoren ablesen; Riss, Wasser, Feuer. Trotz Zerstörung zeigt die Serie noch intakte Bilder, erst in den Unikaten „Shards Sol“ lösen sich die Scherbenstücke heraus, sind nunmehr Fragmente.
Noch tiefer unter die Oberfläche führen kreisrunde Silicium-Wafer, welche die materielle Grundlage von Computerchips bilden und die Raimann mit Strukturzeichnungen versehen hat. Was auf den ersten Blick wie technische Zeichnungen von Schaltkreisen anmuten könnte, ist dem 1862 erschienenen Infanterie-Lehrbuch „Hardee’s Rifle and Light Infantry Tactics“ aus dem amerikanischen Bürgerkrieg entnommen. Linien, Punkte, Bewegungen – abstrahierte Körper im Raum existierten lange vor elektronischen Schaltplänen und erinnern trotzdem an Mikrochips zugrundeliegende atomare Strukturen. Die spiegelnden Wafer enthüllen, dass vermeintlich Neues auf alten Mustern beruht. Technologie erscheint somit weniger als radikaler Bruch mit der Vergangenheit, sondern mehr als Verstärker bestehender Strukturen. Prinzipien von Macht, Kontrolle, militärischer Organisation und imperialistischem Denken sind nicht verschwunden, sondern werden anhand modernster Technologien weitergeführt. Die kreisrunde Form der Wafer erinnert zudem an den Ouroboros, eine sich selbst in den Schwanz beißende Schlange, Symbol eines in sich geschlossenen Kreislaufes als Einheit von Anfang und Ende. Dazu passt, dass obwohl William Joseph Hardee auf der Seite der Konföderierten stand, sich die Aufzeichnungen der Truppenbewegungen für beide Konfliktparteien gleichermaßen als nützlich erwiesen.
Auf der Suche nach Metaphern für Vernetzung macht Raimann aufgeschnittene Glasfaserkabel auch in alter fotografischer Technik des Fotogramms sichtbar. Lichte Schlieren flirren vor dem betrachtenden Auge wie Mouches volantes. Als „Serpens Lucis“, Lichtschlangen, transportieren die Kabel Informationen, vergleichbar Hermes dem Götterboten, dessen Stab mit zwei Schlangen versehen ist. Die Lichtimpulse übernehmen seine Botenrolle: vermitteln, übersetzen, überbrücken Distanzen. Als uraltes Symbol steht die Schlange für Erneuerung und Transformation, ist angesichts des wiederkehrenden Abstreifens der Haut Sinnbild für Wiedergeburt, Wandel und Unsterblichkeit. Im Gilgamesch-Epos scheitert der Protagonist auf der Suche nach ewigem Leben, als am Ende eine Schlange das Jugend schenkende Kraut verschlingt und selbst zum Symbol für zyklische Erneuerung wird. Eine alte Geschichte in neuem Gewand, wenn heute Superreiche versuchen, ewiges Leben mittels neuester Technologien zu erlangen. Die Schlange hat aber auch eine dunkle Seite, steht für Gefahr, List und Verführung. In biblischer Erzählung verleitet sie den Menschen, vom Baum der Erkenntnis zu kosten. Im Fotogramm kehrt sich das Licht um, trägt als dunkle Substanz die Ambivalenz der Schlange in sich, ist gleichsam Träger von lichter Erkenntnis, als auch von Täuschung, Manipulation und Kontrolle. In den Glasfaserkabeln zirkulieren Nachrichten, Bilder, Ideologien – beschleunigt, vervielfacht, entgrenzt. Hält die Zukunft das Übergestern bereit? Und wie ins Übermorgen gelangen?
Julia Stellmann
